Um es vorwegzunehmen: Das Buch des französischen Autors Jean Raspail, das inzwischen Hunderttausende Leser in aller Welt gefunden hat, ist nicht unbedingt das, was man „große Literatur“ nennt. Obwohl die Handlung (noch) rein fiktiv ist, handelt es sich weniger um einen Roman als um eine Streitschrift, um den verzweifelten Versuch, der ideologisch motivierten Selbstaufgabe Europas mit literarischen Mitteln entgegenzutreten. Das geschieht gelegentlich mit Hilfe der Überzeichnung wie man sie aus Swifts Gulliver oder Huxleys Brave New World kennt, aber das eigentlich Faszinierende (und Erschreckende) an Raspails Buch, das bereits 1973 erschien, ist die Erkenntnis, daß ein großer Teil der geschilderten Entwicklungen heute bereits Realität ist.
Die Handlung spielt überwiegend in Frankreich, das sich – zunächst nur theoretisch – mit einer Auswandererflotte aus gekaperten Schrottschiffen konfrontiert sieht, die sich von Kalkutta aus auf den Weg ins gelobte Land gemacht hat. An Bord sind fast eine Million Menschen, unbewaffnet und bettelarm, was sofort zu europaweiten Sympathiebekundungen seitens der Verantwortungsträger in Politik, Medien und Kirche führt, die in groteskem Gegensatz zu den Verhältnissen auf den Auswandererschiffen und der offenkundigen Feindseligkeit der dort zusammengepferchten Massen steht. Einzig ein indischstämmiger Auswanderer, der zufällig zu der Thematik befragt wird, wagt es, vor der bevorstehenden Invasion zu warnen, woraufhin ihm sofort das Mikrofon abgeschaltet wird: „Sie kennen mein Volk nicht, weder seinen Schmutz, seinen Fatalismus und seinen idiotischen Aberglauben … Alles wird sich ändern in Ihrem Land, das auch das meinige geworden ist. Durch jene und mit ihnen werden Sie zugrunde gehen.“ Die öffentliche Meinung beherrschen jedoch andere, und in der ungeschminkten und erschreckend realistischen Beschreibung dieser auch hierzulande dominierenden Kamarilla von Realitätsverweigerern, Heuchlern, Volkspädagogen und und Pseudomoralisten liegt das Hauptverdienst des Autors, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht und auch vor schockierenden Bildern nicht zurückschreckt.
Die Protagonisten des Buches sind überwiegend Franzosen, aber kein einigermaßen mit dem politischen Tagesgeschäft vertrauter Leser würde sich nicht wiedererkennen, die Claudia Roths und Volker Becks, die Edathys und Fischers, die Göring-Eckhardts, die Prantls, Jörges’ und di Lorenzos, all die selbsternannten „Vordenker“, Tugendwächter und Volkspädagogen, die zeitgeistseligen Bischöfe der EKD, die „Antirassisten“, Minderheitenrechtler und Xenophilen, die im Namen einer imaginierten „Weltmoral“ das gesellschaftliche Klima hierzulande bestimmen, indem sie Tatsachen kurzerhand negieren und durch Wunschvorstellungen ersetzen.
Auch in Raspails Frankreich einer allzu nahen Zukunft behalten die „Anständigen“ das Heft des Handelns fest in der Hand, bis die Flotte tatsächlich de bretonische Küste erreicht, und auch jene die Rechnung präsentiert bekommen, die ihr erst den Weg bereitet hatten: “ … der Wille der Dritten Welt, einerseits niemandem zu etwas verpflichtet zu sein. andererseits die grundlegende Bedeutung ihres Sieges nicht dadurch abzuschwächen, daß sie ihn mit Überläufern teilt.“
Natürlich endet das Ganze tragisch, wobei zu befürchten ist, daß die Tragik einer nach zweitausend Jahren ausgelöschten europäisch-christlichen Kultur und Lebensweise von einem signifikanten Teil der politisch-medialen Kaste hierzulande gar nicht mehr so empfunden wird, sondern als Vollendung der „multikulturellen Gesellschaft“ bereitwillig in Kauf genommen wird.
Der Autor selbst zieht in seinem 2004 in „Le Figaro“ erschienenen Essay „Das Vaterland wird von der Republik verraten“ ein deprimierendes Resümee: „Denn ich bin davon überzeugt, daß das Schicksal Frankreichs besiegelt ist, denn „mein Haus ist auch das ihrige“ (Mitterrand) in einem „Europa, dessen Wurzeln ebenso muslimisch wie christlich sind“ (Chirac), weil die Nation unaufhaltsam auf ihr endgültiges Kippen zusteuert, wenn im Jahre 2050 die „Franzosen des Stammes“ nur mehr die am meisten gealterte Häfte der Bevölkerung des Landes ausmachen werden, während der Rest aus schwarzen oder maghrebinischen Afrikanern und Asiaten aus allen unerschöpflichen Winkeln der Dritten Welt bestehen wird, unter der Vorherrschaft des Islams in seiner fundamentalistischen und dschihadistischen Ausprägung. Und dieser Tanz hat gerade erst begonnen.“